Vermutlich führten die hohen europaweiten Zuwachsraten bei den ökologischen Holzbauweisen dazu, dass nun der Wettbewerb eine Gegenkampagne startet und diese mit der Viva Studie messtechnisch untermauern möchte. In der im Viva Forschungspark im niederösterreichischen Wopfing durchgeführten und von Baumit veröffentlichten VOC - Volatile Organic Compounds - Studie werden Gebäude folgendermaßen bewertet: „Gebäude aus Beton und Ziegel mit mineralischer Innenbeschichtung sind bereits direkt nach Fertigstellung frei von schädlichen Luftschadstoffen. Andere Bauweisen schneiden schlechter ab.“ Zudem wird in der Studie behauptet: "Bereits kurz nach Fertigstellung wiesen die Häuser aus Beton und Ziegel sehr niedrige VOC-Werte (< 500 μm/m³) auf", analysiert Umweltanalytiker Bernhard Damberger. "Deutlich höhere Werte zeigten die Häuser aus Holzständerbauweise mit über 1000 μm/m³ beziehungsweise das Vollholz-Blockhaus mit über 3000 μm/m³."

Das Fazit der Studie lautet: "Wer ein Holzhaus baut, muss sich bewusst sein, dass unter Umständen über sehr lange Zeit holzspezifische Substanzen in der Luft sind", so Bernhard Damberger. Inzwischen ist den meisten Bauexperten bekannt, dass Menschen sowohl gegen Gerüche aus Gipsbauplatten, Putz oder Farben empfindlich reagieren können als auch gegen natürliche Holzgerüche. Wieder andere bauen sich ganz bewusst ein Holz- oder Lehmhaus genau wegen den materialspezifischen Gerüchen und empfinden diese als angenehm und wohltuend. Auch Steinhäuser verfügen meist über ein Holzdach und Trockenbauwände. Also welche Empfehlungen können wir aufgrund der Baumit-Studie den Bauinteressierten geben? Können natürliche Holzgerüche grundsätzlich als „bedrohlich“ eingestuft werden? Wir meinen, dass Holzemissionen wie auch viele mittel- bis schwerflüchtige Gerüche durch Putze und Farben, die leider bei den oben genannten VOC-Messungen nicht ermittelt werden, meist viel zu früh gemessen werden, vor allem dann, wenn die Baumaterialien noch viel zu feucht oder noch nicht ausreichend ausgehärtet sind.

Eine Versachlichung des Themas ist wichtig, denn über den Einfluss von niedrigen Holzemissionswerten auf unseren Organismus konnte bis heute noch keine zweifelsfreie bzw. wissenschaftlich basierte Einigung erzielt werden. Es laufen aktuell wissenschaftlich belastbare Studien an der Universität Freiburg, um den Bauwilligen, Planern, Investoren und Handwerkern fundierte Gesundheitsstudien zu Holzgerüchen anbieten zu können. Holzbauunternehmen, die mit holzdiskriminierenden Werbeaussagen konfrontiert werden, sollten sich neutral informieren, denn in der Öffentlichkeit werden zum Thema „Wohngesundheit“ viele Fehleinschätzungen verbreitet. Da die VOC-Innenraumluftrichtwerte in der Viva Studie lediglich als „hygienische Vorsorgewerte“ einzustufen sind, sollten die Ergebnisse für natürliche Terpene und Aldehyde auch unter hygienischen und nicht unter toxikologischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Bei den von Holz abgegebenen Gerüchen sehen wir daher erheblichen Forschungsbedarf, da die zu niedrigen Richtwerte für Aldehyde oder Terpene auf keinen belastbaren Untersuchungen basieren. Bringen die Freiburger Forschungsergebnisse keinen Nachweis für eine toxische Wirkung durch Holzemissionen, wovon viele Experten ausgehen, dann sollten die VOC-Richtwerte neu eingestuft werden.
Die Viva Studie soll beim Leser den Eindruck erwecken, dass Häuser aus Beton und Ziegel mit weniger VOC’s „gesundheitlich unbedenklich“ sind. Es wird verschwiegen, dass ein Großteil der Emissionen nicht durch die Konstruktionsmaterialien wie Holz oder Stein, sondern durch Einrichtungen, Dichtstoffe, Putze und Farben, Lacke und Reinigungsmittel entstehen. Deshalb tragen vor allem die Ausbaugewerke und die Nutzer eine hohe Verantwortung für ein gutes und behagliches Raumklima. Bei Holzgerüchen genügt eine übliche Lüftungstätigkeit oder der Einbau einer kleinen Lüftungsanlage für ein rasches Absinken aller baustoffbedingten Gerüche.

Die Einstufung von natürlichen Terpenen und Aldehyden aus Holz sollte nach Ansicht vieler Experten kritisch überdacht werden. Aufgrund vieler Hinweise und Studien sollten dann die strengen Richtwerte l für natürliche Holzemissionen angehoben werden, um zukünftig solche Interessen- und Baukonflikte zu vermeiden und das nachhaltige und ökologische Bauen mit Holz nicht unnötigerweise auszubremsen.


Bildquellen: Titelbild von Karl-Heinz Weinisch